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Aus KI-Forschung ins Rechtswesen: Interview mit Noxtuas CEO Dr. Leif-Nissen Lundbæk

Dr. Clara Herdeanu

Ein Gespräch mit Dr. Leif-Nissen Lundbæk, CEO und Co-Founder von Noxtua, über die Anfänge von Noxtua, den Weg zur digitalen Souveränität und die Zukunft des europäischen Rechtswesens 


"Wir dürfen nicht zulassen, dass andere darüber entscheiden, was in unserem Rechtssystem als wahr oder falsch gilt. Das ist keine technische Frage, sondern eine demokratische." 


Interview: Dr. Clara Herdeanu, Chief Communications Officer Noxtua 

Leif, die Idee zu Noxtua entstand schon 2017. Was war damals der Auslöser? 

2017 habe ich für meine Doktorarbeit an der Oxford University und dem Imperial College London mit meinem Doktorvater Professor Michael Huth zu KI und Datenschutz geforscht. Es ging anfangs also noch nicht primär um Rechts-KI, sondern mehr um die Grundlagen: Wie bauen wir KI-Systeme, die den Menschen dienen, ohne dass wir dafür die Kontrolle über unsere Daten aufgeben müssen? Oder anders formuliert: Wie können wir leistungsfähige KI basierend auf europäischen Werte wie Datenschutz und Transparenz entwickeln. Privacy-by-Design war damals noch ein ziemliches Nischenthema; heute redet jeder darüber, aber 2017 war das anders. 

Die Initialzündung für Noxtua als Unternehmen (damals noch als Xain bzw. Xayn bekannt) kam aus Oxford, gegründet haben wir dann aber schließlich in Berlin, haben jetzt dort und in Paris unsere Hauptsitze, mit zusätzlichen Standorten in Zagreb und München; das zeigt eigentlich schon, wie wir denken: europäisch, von Anfang an. Weil wir überzeugt sind, dass bestimmte Prinzipien, wie Datenschutz, Transparenz, Unabhängigkeit, nur funktionieren, wenn man sie technologisch ernst nimmt. 

Und dann kam der Fokus aufs Rechtswesen? 

Noxtua als Europas souveräne Rechts-KI ist jetzt offiziell zwei Jahre alt und wir sind sehr stolz auf das, was wir in dieser Zeit alles geschafft haben. Offiziell haben wir die erste Version von Noxtua Ende Februar 2024 auf den Markt gebracht, hinter den Kulissen hatten wir allerdings schon einige Monate daran gearbeitet. Etwas mehr als ein Jahr später konnten wir dann auch die enge Partnerschaft mit C.H.BECK als Deutschlands führendem Rechtsverlag in der damals größten Finanzierungsrunde Europas für Rechts-KI kommunizieren.  

Dieser Fokus auf das Rechtswesen war für uns und mich eine logische Konsequenz und Weiterentwicklung der jahrelangen intensiven Arbeit an KI, Datenschutz und Sicherheit. Hier lohnt es auch noch einmal zu betonen, dass wir nicht erst seit dem ChatGPT-Boom an diesen Themen arbeiten, sondern über Jahre hinweg in großer technischer Tiefe KI entwickelt hatten. 

Wenn man darüber nachdenkt, in welchem Bereich Datenschutz und digitale Souveränität wirklich existenziell sind, kommt man schnell auf drei Punkte: Verteidigung, Medizin und Recht. Ein unabhängiges Rechtswesen ist einer der tragenden Pfeiler jedes Rechtsstaats und damit auch der Demokratie. Wenn wir hier die Kontrolle abgeben, über Daten, über die Modellsysteme, über die Infrastruktur, untergraben wir letztlich den Rechtsstaat selbst. 

Gleichzeitig bietet der Rechtsbereich aber auch wahnsinnig viel Potenzial für KI. Es ist ein hochstrukturiertes, regelbasiertes System, das auf klar definierten Texten beruht. Aber genau deshalb kann man hier nicht einfach irgendein generisches Modell verwenden. Denn juristische Präzision ist nicht verhandelbar. Die KI muss verstehen, wie juristisches Denken funktioniert und dafür braucht es juristische Daten, nicht Wikipedia oder Reddit. 

Du redest oft von "digitaler Souveränität". Was heißt das eigentlich genau? 

Die Formulierung „digitale Souveränität“ wird mittlerweile inflationär benutzt, fast wie Greenwashing, nur eben für Tech. Deshalb ist es wichtig, konkret zu werden. Für uns heißt digitale Souveränität drei Dinge: Wir müssen die Kontrolle über die Daten haben, über die KI-Systeme und über die Infrastruktur. Alle drei. Wenn auch nur einer dieser Bereiche außerhalb Europas liegt, funktioniert das nicht. 

Das bedeutet bei uns konkret, dass alles komplett auf europäischer, souveräner Infrastruktur läuft. IONOS, Open Telekom Cloud und keine US-Hyperscaler. Wir haben dafür in Partnerschaft mit diesen europäischen Unternehmen Rechenzentren in Magdeburg, Berlin und München. Mit IONOS haben wir außerdem in München dafür z.B. auch die erste souveräne Legal AI Factory in Deutschland aufgebaut. 

Und ganz wichtig dabei: "Europäische Infrastruktur" heißt nicht nur, dass die Server geografisch in Europa stehen. Sie müssen auch von europäischen Unternehmen betrieben werden und europäischem Recht unterliegen. Das mag ein vermeintlich kleiner, aber dann doch riesengroßer Unterschied sein. Mit anderen Worten: Nicht alles, was sich souverän nennt, ist es auch wirklich.  

Die reine geografische Lage ist also nicht das Hauptkriterium. Warum reicht es nicht aus, wenn ein US-Anbieter seine Server z.B. in Frankfurt stehen hat? 

Geografie ist nicht gleichbedeutend mit Kontrolle. Und das ist mittlerweile auch kein Geheimnis mehr. Im letzten Sommer hat der Chefjustiziar von Microsoft vor dem französischen Senat ausgesagt -- unter Eid wohlgemerkt --, dass er nicht garantieren kann, dass europäische Kundendaten nicht in die USA fließen. Das war's dann eigentlich mit der Diskussion.  

Für Jurist*innen ist das ein massives Problem. Das Berufsgeheimnis ist nur dann ein Geheimnis, wenn man  sicherstellen kann, dass es auch eines bleibt. Mit US-Infrastruktur ist das rechtlich unmöglich. Wer das ignoriert, kann sich später nicht rausreden mit "hab ich nicht gewusst". 

Deshalb erfüllen wir bei Beck-Noxtua, MANZ-Noxtua, Swiss-Noxtua und allen anderen Varianten unseres Legal AI Workspaces alle datenschutz- und berufsrechtlichen Anforderungen des jeweiligen Landes.  

Klingt aufwändig. Warum nicht einfach die bestehenden Tools nutzen? 

Weil die bestehenden Tools das Problem sind, nicht die Lösung. Und wir haben uns eben dazu entschieden, nicht Teil des Problems, sondern der Lösung zu sein.  

Ja, es ist am Anfang aufwändiger, eine eigene Infrastruktur aufzubauen. Aber was man dafür bekommt, ist Sicherheit, Kontrolle und letztlich auch bessere Performance. Wir sehen das jeden Tag: Die KI ist schneller, weil wir nicht mit tausend anderen um Rechenzeit konkurrieren. Sie ist präziser, weil sie auf juristische Daten basiert. Und sie ist sicher, weil die Daten niemals das Land verlassen. 

Wer auf Hyperscaler setzt, spart sich vielleicht kurzfristig Arbeit, gibt aber die Kontrolle komplett ab. Und interessanterweise ist es durch gemeinsame GPU-Beschaffung mit Partnern wie IONOS sogar günstiger als bei den großen US-Anbietern. Souverän heißt nicht automatisch teuer. 

Warum genügen generische KI-Angebote wie ChatGPT nicht für juristische Arbeit? 

Weil ChatGPT ein generisches Modell ist, trainiert mit potentiell allem, was im Internet online ist. Das ist für Small Talk oder Brainstorming vielleicht okay, aber nicht für Jura. Juristische Inhalte machen dabei nur einen winzigen Bruchteil der Trainingsdaten aus und wenn überhaupt, dann ist es hauptsächlich US-Recht. Das färbt natürlich auf die Ergebnisse ab. Man könnte fast von einer schleichenden Amerikanisierung des Rechts sprechen. 

Aber das größere Problem ist ein anderes: ChatGPT ist nicht rechtskonform. Die Daten fließen ab. Punkt. Damit ist es für Berufsgeheimnisträger schlicht nicht nutzbar, egal wie gut die Oberfläche aussieht. 

Wir brauchen domänenspezifische Modellsysteme, die verstehen, wie juristische Argumentation funktioniert.  

Wie stellt man denn sicher, dass eine KI "juristisch denken" kann? 

Indem man mit den richtigen Daten arbeitet. Rechts-KI ist nur so gut, wie die Datenbasis dahinter

Wir arbeiten deshalb auch mit führenden Rechtsverlagen aus ganz Europa zusammen. In Deutschland ist dies z.B. C.H.BECK als Deutschlands bedeutendster juristischer Fachverlag. Beck-Noxtua basiert dazu exklusiv auf beck-online, das mehr als 60 Millionen kuratierte Dokumente beinhaltet, die das deutsche Recht vollständig abbilden. Keine anderen KI-Anbieter haben Zugriff darauf. Das ist ein Kern unseres Wettbewerbsvorteils. 

Unsere KI arbeitet also mit Rechtstexten, Kommentaren, Urteilen, Gesetzestexten und nicht mit irgendwelchen Webseiten. Sie versteht dadurch, warum ein Argument schlüssig ist, nicht nur, dass es irgendwo steht. Und sie kann transparent zeigen, auf welche Quellen sie sich bezieht. 

Dazu kommen strategische Erweiterungen; wir integrieren zum Beispiel in Deutschland mit dem Erich Schmidt Verlag Inhalte zum Öffentlichen Dienstrecht. Und mit Walhalla erweitern wir den Bereich Verwaltung. Jede Partnerschaft macht das System besser und breiter aufgestellt. 

Noxtua expandiert in ganz Europa? 

Absolut. Der europäische Gedanke zieht sich durch alles, was wir tun. Wir haben deshalb vor Kurzem auch als erster Anbieter die Europalizenz auf den Markt gebracht. Damit können Jurist*innen über ein Interface auf mehrere Verlage und Jurisdiktionen vom ganzen Kontinent zugreifen. Wir haben dies in der Betaphase bereits für den DACH-Raum gestartet und ergänzen jetzt schrittweise weitere Verlage und Jurisdiktionen.   

Das ist genau unser europäischer Ansatz, wir wollen Partnerschaften eingehen, nationale Besonderheiten respektieren, aber gleichzeitig ein gemeinsames Ökosystem schaffen.  

Was erwartet uns im Jahr 2026? 

Das Jahr 2026 wird aus meiner Sicht das Jahr der Justiz. Die Gerichte stehen massiv unter Druck – Personalmangel, explodierende Fallzahlen, und dazu werden sie mit KI-generierten Schriftsätzen aus den Kanzleien überschwemmt. Sie werden nicht darum herum kommen, selbst auf diese Technologie zu setzen. Und da wollen wir die richtige Lösung anbieten. 

Parallel bauen wir das europäische Netzwerk weiter aus. Beck-Noxtua, MANZ-Noxtua, Swiss-Noxtua – das sind die ersten Bausteine. Aber es geht um mehr als einzelne Produkte. Wir bauen ein europäisches Ökosystem für Rechts-KI. Ein System, das beweist, dass digitale Souveränität nicht nur eine Vision ist. 

Was ist die langfristige Vision für Noxtua? 

Wir bauen Europas souveräne Rechts-KI. Ein System, das zeigt, dass man leistungsfähige KI auf Basis europäischer Werte entwickeln kann, Datenschutz, Transparenz, Rechtsstaatlichkeit. Denn wir müssen aus unserer Sicht nicht einfach alles nachbauen, was aus den USA kommt.  

Unser Ziel ist es, alle Jurisdiktionen in Europa mit rechtlichen Fachinformationen zu verbinden – und wir wollen dies bis Ende des Jahres Jahr erreichen. Dazu haben wir die Europalizenz eingeführt mit der Jurist*innen über eine Plattform auf mehrere Verlage und Jurisdiktionen zugreifen können, haben im DACH-Raum gestartet und fügen da in den kommenden Wochen und Monaten mehr und mehr Rechtsverlage und Jurisdiktionen aus ganz Europa hinzu. Dieses Jahr wird also noch eine Menge bei Noxtua passieren. 

Wir positionieren uns deshalb auch ganz bewusst als europäisches Unternehmen. Noxtua ist in unseren Augen dabei nicht nur eine KI-Lösung, sondern auch ein europäisches Projekt. Wir wollen ein europäisches Ökosystem aufbauen, in dem nationale Rechtsordnungen respektiert werden, aber gleichzeitig die Vorteile einer gemeinsamen, souveränen Infrastruktur genutzt werden können. Wir wollen mit Noxtua als Souveränitätsleuchtturm also auch zeigen, dass Europa KI kann. Ein Europa, das seine digitale Zukunft selbst gestaltet, gerade im Rechtsbereich, wo Unabhängigkeit so fundamental ist. 

Denn KI beeinflusst unsere Sprache und damit unser Denken. Deshalb dürfen wir nicht sagen: "Wir haben das Rennen verloren, jetzt ist es egal." Europa muss eigene KI Systeme bauen, auch große. Der Einfluss auf Demokratie und Rechtsstaat ist zu groß, um sich abhängig zu machen

Leif, das ist ein gelungenes Plädoyer und guter Abschluss für dieses Interview. Danke Dir für Deine Zeit!

 


 

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