Interview mit Joséphine Mansour über strategische Allianzen, die Bedeutung von Rechtsdaten und die digitale Souveränität Europas.
Joséphine, vielen Dank, dass Du Dir heute Zeit genommen haben, um über Deine Arbeit zu sprechen. Lass uns gleich loslegen: Warum Noxtua? Was macht das Unternehmen so besonders und warum hast Du Dich entschieden, dort anzufangen?
Noxtua unterstützt Jurist*innen in ihrer täglichen Arbeit beim Recherchieren, Analysieren und dem Erstellen von Dokumenten. Europas souveräne Rechts-KI wurde speziell für Rechtsexpert*innen entwickelt und ist sowohl rechtskonform als auch juristisch kompetent, da sie auf exklusiven, hochwertigen juristischen Daten führender europäischer Rechtsverlage basiert und auf reale professionelle Workflows zugeschnitten ist.
Was Noxtua außerdem auszeichnet, ist der integrierte End-to-End-Ansatz. Wir entwickeln nicht nur eine Schnittstelle, sondern kontrollieren das gesamte KI-System, von der Infrastruktur, Modellen bis hin zu den Daten und dem Interface. Dieser Integrationsgrad gewährleistet einen sehr hohen Standard an Sicherheit, Compliance und Governance und bietet Jurist*innen gleichzeitig Zugang zu hochwertigen und vielfältigen europäischen Rechtsinhalten.
Neben der eigentlichen Technologie ist Noxtua auch ein strategisches Projekt. Als Europas souveräne Rechts-KI zeigen wir, dass es möglich ist, leistungsstarke KI-Systeme zu entwickeln, die auf europäischen Werten basieren wie Datenschutz, Transparenz und Rechtsstaatlichkeit.
Meine Arbeit bei Noxtua fühlte sich daher wie eine natürliche Fortsetzung meiner bisherigen Karriere und meiner Überzeugungen an. Als Rechtsanwältin und ehemalige Group General Counsel habe ich aus erster Hand erfahren, wie fragmentiert und zeitaufwändig juristische Arbeit sein kann, insbesondere in komplexen oder internationalen Umgebungen. Noxtua geht direkt auf diese Realität ein, indem wir Jurist*innen mit einer sicheren, souveränen KI unterstützen, die ihre Effizienz steigert, ohne die Unabhängigkeit, Vertraulichkeit oder das professionelle Urteilsvermögen zu beeinträchtigen.
Mit anderen Worten: Dies ist KI im Dienste des Rechts – und derer, die es vertreten.
Denn wir leben in einer entscheidenden Zeit. Die Frage ist nicht mehr, ob KI den Rechtsberuf verändern wird, sondern wer sie entwickelt, mit welchen Werten und innerhalb welches demokratischen und rechtlichen Rahmens. Innovation ist unerlässlich – aber Verantwortung ist eben nicht verhandelbar.
Du bist Chief Alliance Officer bei Noxtua, ein Job-Titel, der nicht gerade alltäglich ist. Was genau ist Deine Aufgabe bei Noxtua?
Meine Aufgabe als Chief Alliance Officer besteht darin, das Ökosystem rund um Noxtua zu gestalten und zu koordinieren. Von Anfang an haben wir eine klare strategische Entscheidung getroffen: Eine wirklich herausragende Rechts-KI kann nicht isoliert entwickelt werden; sondern sie erfordert starke, langfristige Allianzen in den Bereichen Recht, Technologie und Institutionen.
Rechtsverlage sind ein Eckpfeiler dieser Strategie, da kuratierte Rechtsdaten und Rechtsexpertise für eine Rechts-KI auf hohem Niveau unerlässlich sind. Unser Allianzansatz geht jedoch weit über das Verlagswesen hinaus. Wir arbeiten u.a. mit Anwaltskanzleien, Rechtsabteilungen von Unternehmen, akademischen Einrichtungen, Technologiepartnern und europäischen Infrastrukturanbietern zusammen, die jeweils einen wichtigen Teil zum Gesamtbild beitragen.
Wir glauben dabei nicht an einen vertikal geschlossenen Ansatz, in dem ein Akteur behauptet, alles zu tun. Unsere Stärke liegt eben genau in der Zusammenführung komplementärer Fachkenntnisse. Noxtua bringt dabei fundierte KI- und Engineering-Kompetenzen mit, juristische Verlage steuern jahrzehntelanges – manchmal sogar jahrhundertelanges – juristisches Wissen und hochwertige kuratierte Inhalte bei, Jurist*innen sorgen für den praktischen Bezug und unsere Technologie- und Infrastrukturpartner helfen uns, die höchsten Standards in Bezug auf Sicherheit, Leistung und Compliance zu erfüllen.
Dieser ökosystembasierte Ansatz hat sich bereits als äußerst effektiv erwiesen. Heute arbeiten wir bereits mit führenden europäischen Rechtsverlagen in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Polen, der Tschechischen Republik und der Slowakei zusammen und bauen gleichzeitig aktiv Partnerschaften mit Rechtsexpert*innen und Institutionen auf dem gesamten Kontinent aus. Und das ist erst der Anfang.
Lass mich noch einen wichtigen Punkt hinzufügen; denn er erklärt, warum Allianzen für Noxtua so wichtig sind. Europa, so wie wir es kennen, wurde schon durch Zusammenarbeit aufgebaut – indem Unterschiede überbrückt, in langfristige Partnerschaften investiert und nationale und rechtliche Besonderheiten respektiert wurden. Diese Kultur der Allianzen ist fundamentaler Teil der Identität Europas. Wir sehen darin keine Einschränkung, sondern einen Wettbewerbsvorteil – und sie prägt direkt die Art und Weise, wie wir Noxtua aufbauen.
Du hast die europäische Identität erwähnt. Kannst Du das noch näher erläutern? Was ist der Hintergrund von Noxtua und was die Motivation?
Die ursprüngliche Idee hinter Noxtua entstand im europäischen akademischen Umfeld, insbesondere in Oxford und London, bevor das Unternehmen 2017 in Berlin gegründet wurde. Die erste Version dessen, was seitdem zu Europas souveräner Rechts-KI geworden ist, wurde dann Anfang 2024 veröffentlicht.
Von Anfang an war Noxtua also als ein zutiefst europäisches Projekt konzipiert, mit einem starken Fokus auf grenzüberschreitender Zusammenarbeit – insbesondere entlang der deutsch-französischen Achse. Und eben diesem übergeordneten Ziel, die Vielfalt der europäischen Rechtssysteme widerzuspiegeln. Im Laufe der Zeit hat sich diese Vision durch Partnerschaften und Teams auf dem gesamten Kontinent weiterentwickelt. Heute haben wir bei Noxtua Niederlassungen in Paris, Zagreb und München und arbeiten mit Partnern aus ganz Europa zusammen – darunter juristische Verlage, Rechtsprofis, Wissenschaftler*innen und Technologiepartner. Diese Kombination aus lokalem Fachwissen und kollektivem Ehrgeiz ist sehr europäisch geprägt.
In diesem Sinne ist Noxtua nicht nur ein Technologieunternehmen. Es ist ein Ökosystem-Projekt, das auf Zusammenarbeit, rechtlicher Souveränität und Vertrauen basiert. Und das ist nicht nur unsere Entstehungsgeschichte – es ist auch unser Fahrplan für die Zukunft.
Kommen wir zurück zu den Allianzen als Kernstück der Strategie von Noxtua. Wie funktionieren die Partnerschaften?
Im Mittelpunkt dieser Allianzstrategie von Noxtua steht eine einfache Überzeugung: Ohne diejenigen, die im Laufe der Zeit juristisches Wissen aufgebaut, strukturiert und bewahrt haben, kann es keine bedeutende Innovation im Rechtswesen geben. Juristische Argumentation ist stark kontextabhängig – kulturell, sprachlich und systemisch. Im Rechtsbereich funktioniert die klassische Startup-Mentalität von “Move fast and break things” einfach nicht.
Aus diesem Grund spielen juristische Verlage eine so zentrale Rolle. Durch jahrzehntelange – und in einigen Fällen jahrhundertelange – Arbeit haben sie dazu beigetragen, die Grundlagen des juristischen Wissens in ganz Europa zu formen. Unser Allianzmodell geht aber über das reine Verlagswesen hinaus. Wir bauen bewusst vielschichtige Partnerschaften auf, die Verlage, Jurist*innen, Wissenschaft, Technologiepartner und europäische Infrastrukturanbieter zusammenbringen.
Diese Allianzen sind als Win-Win-Win-Modell konzipiert. Jurist*innen profitieren von präzisen, konformen und kontextbezogenen KI-Tools; Partner – darunter auch Verlage – profitieren von der kontrollierten und verantwortungsvollen Integration ihres Fachwissens und ihrer Inhalte in KI-Systeme; und Noxtua erhält Zugang zu fundiertem Wissen und praktischen Einblicken in die Rechtswelt, die für die Entwicklung einer rechtskonformen KI unerlässlich sind.
Wichtig ist, dass es sich hierbei nicht um Beziehungen auf Distanz handelt. Wir arbeiten sehr eng mit unseren jeweiligen Partnern zusammen, um die KI-Lösung gemeinsam zu entwerfen und zu entwickeln und sicherzustellen, dass sie den konkreten Bedürfnissen juristischer Arbeit in den einzelnen Rechtsordnungen entspricht. Wir integrieren kuratierte, exklusive Rechtsdaten auf Länderbasis und machen Noxtua so zu einem Content-basierten Legal AI Workspace, der in den lokalen Rechtssystemen verwurzelt ist und auf einer gemeinsamen europäischen Architektur aufbaut.
Jede Partnerschaft bestärkt uns dabei in unserer gemeinsamen Überzeugung: Um Jurist*innen angemessen zu unterstützen, müssen wir in jeder Jurisdiktion lokal, in unserer Ausrichtung europäisch und in unseren Zielen global bleiben.
Welche Bedeutung haben Rechtsdaten in diesen Partnerschaften? Warum müssen es exklusive Rechtsdaten sein? Warum reichen dabei Internetdaten nicht aus?
Lass es mich so formulieren: Eines der charakteristischen Merkmale der juristischen Arbeit ist Präzision. Jurist*innen werden manchmal dafür verspottet, dass sie über die genaue Bedeutung eines einzelnen Wortes diskutieren – aber im Rechtswesen ist „fast richtig“ oft einfach schlichtweg falsch. Genauigkeit ist da kein Luxus, sondern die Grundlage für Vertrauen.
Eine KI, die in erster Linie auf generischen Internetdaten trainiert wurde, kann einfach nicht das für den professionellen juristischen Gebrauch erforderliche Maß an Zuverlässigkeit erreichen. Autoritative, kuratierte und rechtsgebietsspezifische Rechtsdaten machen einen entscheidenden Unterschied – nicht nur in Bezug auf die Qualität, sondern auch in Bezug auf die Verantwortlichkeit und Compliance.
Für uns ergibt Innovation eben nur dann Sinn, wenn sie das Vertrauen stärkt, Fachleute unterstützt und das rechtliche Ökosystem schützt, das auf verifiziertes Wissen angewiesen ist. Deshalb sind exklusive Rechtsdaten in enger Zusammenarbeit mit denjenigen, die sie erstellen und nutzen, unverzichtbar.
Ist die internationale Expansion mit Verlags- und Allianzpartnern in ganz Europa eine strategische Priorität für Noxtua?
Von Anfang an haben wir Noxtua als Europas souveräne Rechts-KI bezeichnet – in der Überzeugung, dass dies die europäische Rechts-KI werden könnte, nicht durch ein Diktat von Einheitlichkeit, sondern durch die Akzeptanz der rechtlichen Vielfalt Europas.
Die internationale Expansion innerhalb Europas ist daher eine zentrale strategische Priorität. Wir arbeiten bereits mit Partnern in mehreren Jurisdiktionen zusammen und werden dieses Netzwerk weiter ausbauen – und gleichzeitig unsere Allianzen nicht nur mit führenden Verlagen, sondern auch im gesamten rechtlichen und institutionellen Ökosystem vertiefen und erweitern.
Unser Ziel ist dabei ganz klar: Wir wollen verantwortungsbewusst wachsen, tief in den lokalen rechtlichen Gegebenheiten verankert bleiben und eine gemeinsame europäische Alternative aufbauen, die sowohl wettbewerbsfähig als auch vertrauenswürdig ist.
Derzeit scheint jeder über die digitale Souveränität Europas zu sprechen. Warum ist sie für den Rechtsbereich so wichtig und was bedeutet es eigentlich?
Wir leben in einer Zeit tiefgreifender geopolitischer Instabilität, in der die strategischen Entscheidungen Europas – einschließlich der digitalen – unsere Zukunft für Jahrzehnte prägen werden. In diesem Zusammenhang ist digitale Souveränität kein abstraktes Konzept mehr, sondern ist zu einem konkreten und dringenden Thema geworden, insbesondere im Rechtsbereich.
Auf einer sehr praktischen Ebene ist Noxtua eine KI-Lösung, die Jurist*innen dabei hilft, Zeit, Energie und Ressourcen in ihrer täglichen Arbeit zu sparen. Darüber hinaus agieren wir aber auch in einem viel breiteren und sensibleren Kontext. Neben der Verteidigung und dem Gesundheitswesen ist das Rechtswesen eine der wichtigsten Säulen eines Staates, da es mit hochsensiblen Informationen umgeht und die Rechtsstaatlichkeit untermauert. Ein souveränes und unabhängiges Rechtssystem ist daher nicht nur ein berufliches Anliegen, sondern ein Grundpfeiler der Demokratie selbst.
Aus diesem Grund ist digitale Souveränität im Rechtswesen so wichtig. Wenn Rechtsdaten, Tools zur Rechtsargumentation oder die zugrunde liegende Infrastruktur nicht unter europäischer Kontrolle stehen, ist die Autonomie unserer Rechtssysteme gefährdet. Und Souveränität lässt sich nicht auf Marketingaussagen oder vertragliche Versprechen reduzieren. Sie erfordert konkrete, strukturelle Entscheidungen.
Dazu gehören auch sehr praktische Fragen: Wer kontrolliert die Infrastruktur? Wo werden die Daten verarbeitet? Unter welche Gerichtsbarkeit fallen sie? Die jüngsten öffentlichen Äußerungen – darunter Aussagen von Vertretern von Microsoft – haben deutlich gemacht, dass unter bestimmten rechtlichen Rahmenbedingungen europäische Daten, die von US-Hyperscalern gehostet werden, weiterhin ausländischen Zugriffspflichten unterliegen können. Diese Realität muss ernst genommen werden, insbesondere im rechtlichen Bereich.
KI ist eben nicht mehr nur eine technologische Entwicklung. Sondern es geht hier um strategische Ausrichtung, kulturelle Absichten und demokratische Verantwortung. Für uns bedeutet digitale Souveränität in Europa deshalb, KI-Systeme zu entwickeln, die in Europa auf einer sicheren Infrastruktur entworfen, verwaltet und betrieben werden, mit dem europäischen Recht im Einklang stehen und gegenüber europäischen Institutionen und Fachleuten rechenschaftspflichtig sind.
Mit anderen Worten: Digitale Souveränität ist für Noxtua kein „Nice to Have”, sondern der Kern unseres Handelns. Gerade weil wir in einem so sensiblen Bereich tätig sind und in einer Zeit zunehmender geopolitischer Unsicherheit, glauben wir, dass Europa sich auf seine eigenen KI-Lösungen in Rechtsqualität verlassen können muss.
Und noch eine Sache: Was wir hier mit Noxtua aufbauen, zeigt auch, dass Europa mit seinen eigenen Werten führend sein kann: Rechtskonformität, eingebauter Datenschutz und echte technologische Souveränität.
Das ist eine sehr treffende Schlussfolgerung. Liebe Joséphine, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen haben, tiefer in die Stärken strategischer Partnerschaften einzutauchen.














