Ein Gespräch mit Clemens Hufeld (VP Legal Data Noxtua und Lehrbeauftragter an der LMU) zur Kartierung juristischen Wissens, neuer Transparenz in der Rechtsrecherche und neuen Wegen im Rechtsvergleich.
Interview: Dr. Clara Herdeanu, Chief Communications Officer Noxtua
Wir haben vor wenigen Tagen das Produktupdate Noxtua 5 bekanntgeben. Was genau umfasst dies und was ist so neu daran?
Wir schaffen erstmals digitale Zwillinge ganzer Rechtssysteme. Ein sogenannter Digital Twin ist ein dynamisches Modell, das nicht nur Dokumente umfasst, sondern auch die Beziehungen zwischen ihnen. Wissensgraphen machen diese Beziehungen sichtbar und navigierbar.
Wir können mit Noxtua digitale Zwillinge ganzer Rechtssysteme erstellen, da wir mittlerweile durch und in der Partnerschaft mit führenden Rechtsverlagen des Kontinents Europas größte und umfassendste Rechtsdatenbank erstellt haben. Ohne all diese qualitativ hochwertigen und kuratierten Rechtsdaten wären wir nicht in der Lage dazu.
Für mich ist das auch persönlich ein großer Schritt: Da ich selbst u.a. Jura und Computerlinguistik studiert habe, träume ich seit Jahren davon, solche Wissensgraphen und digitale Zwillinge auf die Rechtsbranche anzuwenden. Und genau das macht jetzt zum ersten Mal Noxtua.
Was genau ist denn ein digitaler Zwilling in der Rechtsbranche? Was kann man sich darunter vorstellen?
Ein Digital Twin oder digitaler Zwilling ist ein Abbild eines Objektes in der digitalen Welt. Dies gibt es bereits in verschiedenen Bereich wie z.B. dem Energiesektor oder in der Automobilbranche. Wir wenden dies nun zum ersten Mal auf den Rechtssektor an. Ein digitaler Zwilling eines Rechtssystems ist dabei mehr als eine Datenbank. Er bildet die Struktur, die Beziehungen und die Evolution des Rechts in einer Jurisdiktion ab. Er umfasst Gesetze, Verordnungen, Gerichtsentscheidungen, Kommentare und – entscheidend – die Verbindungen zwischen ihnen. Schließlich arbeiten wir Jurist*innen ja nicht nur mit isolierten Rechtsdokumenten und -informationen, sondern setzen die darin besprochenen Konzepte stets in Beziehung zueinander. Genau dieses In-Beziehung-Setzen zeichnet auch die juristische Arbeit aus – und das übertragen wir mit Noxtua 5 in die Rechts-KI.
Du sprachst auch von Wissensgraphen. Wie unterscheiden sich Wissensgraphen denn von bisherigen KI-Recherchen?
Herkömmliche Legal-Tech-Lösungen basieren auf dem Suchparadigma: Man erhält eine Liste von Dokumenten nach Schlagwörtern oder semantischer Ähnlichkeit sortiert. Der Wissensgraph basiert hingegen auf Beziehungen in einem Netzwerk. Jedes Dokument ist ein Knoten, jede Beziehung zwischen Dokumenten eine Kante. Ganz ähnlich wie wir Jurist*innen denken: Jurist*innen navigieren durch ein mehrdimensionales Netzwerk, nicht durch eine flache Liste.Statt nach Dokumenten zu suchen, werden Jurist*innen so auch nach Konzepten suchen und z.B. fragen können: „Zeige mir alle Entscheidungen, die das Konzept der 'Verwirkung' im Mietrecht thematisieren“. Wir entwickeln dies auch so weiter, dass man in einer zukünftigen Form dieser Wissensgraphen so nicht nur die Entscheidungen erhält, sondern auch eine visuelle Repräsentation der dogmatischen Entwicklung dieses Konzepts über die Zeit.
Hier sei mir auch ein kleiner Exkurs in die Linguistik erlaubt: Dies ist ein wenig vergleichbar mit dem semiotischen Dreieck aus der Sprachwissenschaft. Da geht es um das Zeichen, das konkrete Objekt und das Konzept im Kopf der Menschen. Übertragen auf das Recht ist der Gesetzestext das Zeichen, der geregelte Sachverhalt der Gegenstand und das dogmatische Konzept das mentale Modell im Kopf der Rechtsexpert*innen. Mit Noxtua übertragen wir dies nun ins Digitale. Wir erstellen digitale Zwillinge unterschiedlicher Rechtssysteme und Jurisdiktionen basierend auf kuratierten und qualitativ hochwertigen juristischen Daten mit denen Jurist*innen dann ad hoc dynamische Wissensgraphen erstellen können – und so dann perspektivisch auch rechtsvergleichend arbeiten können.

Mit dem Rechtsvergleich bringst Du gleich noch ein weiteres Thema auf den Tisch. Warum sind digitale Zwillinge und Wissensgraphen für die Rechtsvergleichung wichtig?
Bisher vergleichen Jurist*innen oft nur auf der Ebene der Wörter – etwa „Treu und Glauben“ vs. „bonne foi“. Der Wissensgraph ermöglicht einen Vergleich auf der Ebene der Konzepte. Jurist*innen können dann buchstäblich sehen, wie Rechtskonzepte tatsächlich verbunden sind, nicht wie sie sprachlich bezeichnet werden.
Wie verhält sich der Ansatz zur klassischen juristischen Methodenlehre?
Die klassische Methodenlehre beschreibt, wie Juristen Probleme lösen – durch Interpretation, Dogmatik, Präzedenzfälle. All dies basiert auf implizitem Wissen. Der Wissensgraph macht dieses implizite Wissen explizit und visualisiert die methodischen Pfade.
Das klingt alles nach sehr spannenden Entwicklungen. Aber wie profitieren denn jetzt genau die Nutzer*Innen davon?
Der Zeitfaktor ist entscheidend. Der Wissensgraph ermöglicht eine neue Art der Recherche. Anstatt stundenlang durch Datenbanken zu suchen, können Jurist*innen so das relevante Rechtsnetz oder eine Entwicklung in der Rechtsprechung in Sekunden überblicken. Besonders wertvoll ist dies z.B. für komplexe Mandate, die mehrere Rechtsgebiete berühren, oder die Frage, welche Lücken es in der Rechtsprechung gibt, welche divergierenden Linien aufgezeigt werden sollten und wie sich die dogmatische Entwicklung über die Zeit verhält.
Du hast Dich in Deiner Doktorarbeit auch viel mit der juristischen Ausbildung auseinandergesetzt. Deshalb auch meine Frage: Wie kann sich dies auch auf die juristische Ausbildung auswirken?
Studierende können nicht nur einzelne Normen und Entscheidungen lernen, sondern auch die Zusammenhänge zwischen ihnen visuell erfassen. Sie sehen, wie dogmatische Konzepte entwickelt werden und wie das Rechtssystem als Ganzes funktioniert. Das schafft die Möglichkeit, systematisches Verständnis in Sekunden visuell zu erlangen.
Kurz und prägnant zusammengefasst: Was ist das Potenzial von Wissensgraphen und digitalen Zwillingen, wie können sie die Qualität juristischer Arbeit verbessern?
Die Qualität juristischer Arbeit hängt maßgeblich davon ab, wie vollständig und präzise die relevante Rechtslage erfasst wird. Der Wissensgraph reduziert das Risiko von Übersehungsfehlern, macht Zusammenhänge sichtbar, die einzelnen Jurist*innen möglicherweise nicht bewusst sind, und fördert die Transparenz und Konsistenz juristischer Entscheidungen.
Und zukünftig machen wir damit auch die Verbindungen zwischen verschiedenen europäischen Rechtssystemen sichtbar, was wiederum das Verständnis für Gemeinsamkeiten und Unterschiede fördert. Das ist besonders wertvoll in einem zunehmend integrierten europäischen Rechtsraum.

Apropos Zukunft: Wie siehst Du die Zukunft der Rechtsbranche in diesem Licht?
Ich stelle mir eine Zukunft vor, in der wir Jurist*innen in einem vernetzten Ökosystem arbeiten, in dem das kollektive Wissen der europäischen Rechtskultur navigierbar ist. Ein Ökosystem, in dem wir nicht bloß deutsche, französische oder polnische, sondern europäische Jurist*innen sind.
Danke Dir für Deine Zeit!
















